Freitag, 16.08.02   Abakan - Schuschenskoje - Kysyl

zurück weiter
Tacho  
 

Es hat aufgehört zu regnen, aber es ist immer noch ein wenig frisch. Wir hatten uns um 9.00 vor dem Hotel mit den Chakassen und dem türkischen Prof verabredet. Timur ist schon da, er stürmt gleich auf uns zu und bald kommt ein weiterer junger Chakasse, er arbeitet im Heimatmuseum von Abakan, welches wir natürlich unbedingt ansehen sollen. Da seien Menhire zu sehen. Wir wollten aber lieber die in Natur sehen, davon hatte Timur nämlich gesprochen.
Der Prof war nicht zu sehen, er sollte ja auch mit. Sandra und ich hatten schon vorher abgesprochen, wenn uns die Diskussionen zu lange werden, dann fahren wir ab, ohne mit unseren neuen Bekannten irgendwelche Denkmäler zu suchen.
Der Prof tauchte auf und in türkisch, englisch und russischer Sprache versuchten wir eine Einigung zu erzielen. Timur lud uns zu seinen Eltern ein, am Weg wären Menhire, Kurgane und dergleichen zu sehen. Wir fanden das spannend. Doch dann stellte sich nach und nach heraus, dass Timur der bezahlte Dolmetscher des Profs war und dieser eigentlich auf der Suche nach einem Leihwagen war und ganz andere Pläne hatte.
Sandra und ich waren uns schnell einig, dass wir aufbrechen werden, um nicht die Pläne des Profs zu stören. Die Adressen tauschten wir noch mit Timur und dem Museumsangestellten aus.

8300

Auf ins Auto und los. Schuschenskoje liegt auf der anderen Seite des Jenissej im Krasnojarsker Kraj, ca. 80km von Abakan entfernt. Es soll ein großes Museum dort sein, ein Freilichtmuseum, welches wir suchen wollen.

8388

Schuschenskoje
Lenin
Die Wegweiser führen uns ziemlich bald auf den richtigen Weg in das Städtchen, aber in der Stadt ist nichts zu sehen. Wir müssen fragen.
"Naja", sagt uns dann auch die Führerin, "die Zeiten haben sich geändert. Früher kamen alle, jetzt fast keiner mehr. Dabei haben wir nus doch wirklich viel Mühe gemacht. Wir haben jetzt mehrere kleine Theater hier und Möglichkeiten für Kinder, das alte Handwerk spielerisch zu erlernen."

Mehr Fotos finden Sie, wenn Sie in das Bild oder hier klicken.

Das, womit das Museum wirklich aufwarten kann, ist eine recht eindrucksvolle Ansammlung alter Holzhäuser, die ohne den großen Kommunisten wohl nicht erhalten geblieben wären.
In zweien davon ließ Wladimir Iljitsch Lenin seine Gedanken schweifen.
Hierher, nach Schuschenskoje war er in Verbannung geschickt worden, von 1897-1900.
Hier heiratete er seine Nadeshda Krupskaja.
Das halbe Dorf wurde Ende der 60er Jahre umgesiedelt, irgendwomit entschädigt, um dieses Museum eröffnen zu können. Damals hatten die Anwohner stolz zu sein, heute ist es ein vergessener Winkel im südlichsten Zipfel des Krasnojarsker Krajs.
Denn wer aus dem heutigen Russland macht sich auf den langen beschwerlichen Weg, um Schuschenskoje zu besuchen? Flugzeuge landen keine mehr auf dem nahen Flugplatz, einen Bahnhof gibt es nicht.Karte
Und wenn man ehrlich ist, dann ist Schuschenskoje eines von vielen russischen Freilichtmuseen. Und da Russland insgesamt ein sehr homogenes Land ist, so unterscheiden sich die Dörfer in ihrem Charakter nur unwesentlich. Hier fallen vielleicht nur die Leninfiguren auf, die in größerer Zahl als sonst herumstehen.
Früher war er eine Pflicht, heute ist der Besuch egal.
Und weil wir schon in der richtigen Richtung auf der M-54 unterwegs sind, fahren wir gleich noch weiter Richtung Kysyl bzw. in die Republik Tyva oder Tuva.
Das Sajan-Gebirge (diesmal das westliche) mit 2000m hohen Bergen liegt vor uns. Na, Mascha? Alles bestens. Sie zuckelt langsam, aber sie streikt nicht eine Sekunde.

8520

Sajan II
Mascha im Tal
Mitten am Berg, ich habe mich gerade ans Steuer gesetzt, wird es plötzlich nebelig. Die Wolken hängen fest und es ist kaum eine Handbreit zu sehen. Die Russen stört das wenig. Sie überholen weiterhin, haben natürlich kein Licht an. Wir machen langsam. Das Wetter ist ungemütlich. Frisch, feucht, manchmal nass. Ich stutze, die Bäume hier sehen krank aus. Manche Nadelbäume haben hellgrünen Behang über den Ästen und sterben langsam ab.
Nach der nächsten großen Talsohle dann ein anderes Bild des Grauens. Massenweise nackte Nadelbäume, kaum Vegetation, ein paar junge Birken strecken sich. Dazwischen aber sehr mongolisch aussehende Menschen, die Blaubeeren am Wegesrand verkaufen und sich Unterschlupfe aus Plastikplanen im Wald gebaut haben.
Wir kaufen sie nicht, uns ist die Umgebung suspekt.

Mehr Fotos finden Sie, wenn Sie in das Bild oder hier klicken.

8635

Dann geht es zur großen Abfahrt und plötzlich wachsen die Bäume wieder. Im Tal werden wir gestoppt. Die übliche Kontrolle, denken wir. Aussteigen. Hmm?
Warum, wozu? Sie wollen nur eine Notiz machen. Angeblich zu unserer Sicherheit. Wenn wir verschwinden sollten, dann weiß man wenigstens, wann wir in die Republik Tyva eingereist sind. Alles klar, sie haben auch noch nicht gemerkt, dass die Zeiten sich geändert haben.
Man fragt, was wir dort wollen, "uns erholen" antworte ich schon gebetsmühlenartig, das befriedigt alle. Außerdem füge ich diesmal noch hinzu, dass doch immer vom 16.-18.August die Tage der Republik seien.
Man kündigt uns an, dass dann alle Hotels ausgebucht seien, wir können das kaum glauben und sagen, dann schlafen wir eben im Auto.
Immerhin erfahren wir aber noch, dass es vor etwa 10 Jahren einen Waldbrand gegeben hat. Deswegen sehen die Berge so erschreckend aus.
Wir fahren weiter und begeben uns wieder in Steppenland. Wieder so überraschend wie zuvor in Chakassien. Und wieder sind wir hin und weg und rufen Ah und Oh.

8731

In Kysyl, der Hauptstadt, sind tatsächlich alle Hotels ausgebucht. Wir haben Hunger, in allen Restaurants geschlossene Gesellschaften - Hochzeiten. Wir sind nicht von Interesse, wenn das Land auch wirklich sehr arm und ab vom Schuss wirkt. Da gibt es vieles noch lange nicht, was es sonst schon überall gibt.
In einem Sommercafé ergattern wir ein paar Piroshki, wenigstens irgendwas in den Magen. Dann machen wir uns auf die Suche nach einem Parkplatz zum Übernachten. Hier bellen zu viele Hunde, da ist es zu hell. Wir finden eine freie Fläche, nicht zu dicht an der Bebauung, aber auch nicht zu weit weg. Ein wenig unheimlich ist es schon, immer wieder fahren Autos vorbei, doch offenbar zeigt auch hier keiner Interesse. Wer wird auch schon zwei Frauen im UAZik vermuten?
Ein Bierchen schaukelt uns in den Schlaf.

zurück weiter
Statistik:

sprachen-interaktiv - Russland - Karte - Literatur - Links - Gästebuch - Impressum

letzte Aktualisierung: 27.11.2004