Dienstag, 06.08.02   Omsk - Kujbyshev

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Tacho  
 

Sandra kam am Montag schneller als gedacht von Novosibirsk nach Omsk. Sie bekam sofort eine Fahrkarte für den Zug und so konnte ich sie gegen 18.00 in Empfang nehmen. Nach kurzer Beratung einigten wir uns darauf noch am Dienstag in Omsk zu starten. Sie wollte gleich raus aus der Stadt und auch ich hatte inzwischen genug gesehen und mich wohl erholt.
Mein kleiner Ausflug (Sonntag-Montag) aufs Land war sehr schön. Die Eltern meiner ehemaligen Schülerin, Ljuba, haben mir beinahe jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Ich war kaum angekommen, wurde der Sohn schon gescheucht, die Banja anzuheizen, eine der besten, die ich bislang in Russland gesehen habe. Der Vater kam von der Arbeit und lag, noch bevor er mir guten Tag sagte, unter dem Auto und während ich schwitzte wurde auch Mascha ordentlich gewaschen. War schon ein wenig peinlich, aber richtig rührend. Schweren Herzens ließ man mich wieder ziehen, "Komm bald wieder...."
Nun also Dienstag früh. Ich habe Olivia, mit der wir zusammen das Quartier von Susanna teilten, zum Flughafen gebracht. Sie ist nach einem Jahr Omsk nach Deutschland zurückgekehrt.

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Bald darauf übergaben wir Tanja den Schlüssel der Wohnung und Sanka bekam zur Feier des Tages gleich ein Eis zum Frühstück.
Wir überlegten kurz, welche der beiden auf allen Karten angegebenen Magistralen wir wohl nehmen und wählten die, die nördlich verzeichnet ist und nicht direkt an der Transsib entlang führt.

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Gesagt getan. Straße gut und ich ließ Sandra erstmal die Gegend bestaunen, bevor ich sie ans Steuer "setzte".

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KarteGut 100km nach Omsk wurde die Straße mit einem mal etwas holprig, aber das kannten Corinna und ich ja auch. Das Wetter war ein wenig trübe, aber nicht kalt.
Die Straße wurde matschiger. Hinter uns blinkte ein Wagen, ich dachte erst, er wolle uns überholen und wunderte mich. Denn ein Shiguli (Lada) ist auf solchen Wegen eigentlich nicht das Idealgefährt. Er hörte nicht auf uns anzublinken. Wir verlangsamten unsere Fahrt und sie holten auf. Durchs Fenster fragte die Beifahrerin, ob dieser Weg wirklich nach Novosibirsk führt. Wir bejahten und zeigten ihnen dann unsere Karte.
Sie fanden sich auf dem russischen Kartenwerk nicht zurecht, hatten keine Ahnung, wo sie eigentlich sind. Ich beschrieb ihnen den Weg und sie stellten fest, dass sie auf der falschen Straße gelandet waren, der Ort, den sie suchten, war nahe der anderen Trasse.
Wir nehmen an, sie sind umgekehrt, jedenfalls konnten wir das blaue Auto bald nicht mehr sehen.

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Aus der Holperpiste wurde allmählich eine Schlammwüste, wie ich sie mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Einen schwer arbeitenden LKW konnten wir noch überholen, aber plötzlich war die Straße fast dicht. Drei LKWs, ein paar PKWs und alle standen still. Ich hielt und sprang aus dem Auto. Mit meinen Sandalen versank ich gleich im Modder. Schwere Klumpen bildeten sich an meinen Sohlen, dass ich die Beine kaum mehr anheben konnte. Ich versuchte mich am Rand entlang durchs hüfthohe Gras zu bewegen, was gleich mit einer Mückenattacke geahndet wurde.
Ich befragte die LKW-Fahrer, ob man denn weiterfahren könne. "Zaprosto." Mit dem UAZik alles kein Problem.
Was wir aber hier überhaupt wollen, eine Erholungsfahrt?
Ja, eine Erholungsfahrt. Eine Reise in unserem Sinn, können sich nur die wenigsten Russen vorstellen.
Die Männer halfen uns noch Allrad einzuschalten und verzichteten auf Maschas Kräfte, die PKWs aus dem Schlamm zu ziehen.
Jetzt also mit 4x4 übers Land, durch den Modder. Brmmmm. Echt leicht. Mascha muckt nicht. Manchmal schert sie hinten etwas aus, aber das scheint normal zu sein. Jedenfalls ist das bei allen, die uns dann noch begegnen genau so. Nur ich habe es schwer, mit Bremsen und Kuppeln. Habe ich doch immer noch einen halben Zentner Erde an den Schuhen, der auch nicht abgeht.

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Wir sollten bis Ust-Tarka fahren, da wäre die Straße dann wieder besser und wir sollen nicht vergessen auf 2x4 umzuschalten. Wie geheißen, hielten wir und schalteten um. Wieviele km haben wir uns nun eigentlich durch den Modder gekämpft? 40, 50? Schwer zu schätzen, da wir ja meist nur mit 20 oder 30 vom Fleck kamen. Sandra ist von diesem Abenteuer schwer beeindruckt.
Gewitterfront
Gewitterfront
Nunja, von guter Straße kann nicht ganz die Rede sein, aber gute Piste. Mit einem Mal zieht von hinten her ein Gewitter auf, wird es uns einholen? Schnell scheuchen die Dorfkinder ihre Enten und Gänse nach Hause. Ich halte nochmal kurz, eines Fotos zuliebe und 10m weiter stoppt mich ein Verkehrspolizist: Ich denke es war seine reine Neugierde, er sah mich halten und fotografieren. Wo wollen die beiden Weiber nur hin? - Nach Novo. - Hmm? Aber die andere Straße ist besser. - Jaja. Wir haben aber Zeit. - Ach ihr seid zur Erholung hier.

Mehr Fotos finden Sie, wenn Sie in das Bild oder hier klicken.

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Wie mans nimmt. Ich glaube nicht, dass wir gerade sehr erholt waren. Jedenfalls übernahm gleich drauf Sandra das Steuer und nun kam das Gewitter wirklich bedrohlich näher.

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Die ersten Tropfen. Mascha ist natürlich undicht. Zu den Fenstern kommt das Wasser rein. Und bei den tiefer werdenden Pfützen spritzt es unter der Fußmatte durch. Wir nehmen es mit viel Humor. Russische Technik eben.
In Windeseile wird der Weg erneut zur Wüste und wir schalten lieber doch wieder auf 4x4. Sandra, das erste Mal am Steuer, meistert die Strecke super.

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Wieder 50 km weiter, im nächsten größeren Ort, Novy Tartas, beschließen wir 35km gen Süden auf die eigentliche Magistrale zu fahren. Wer weiß schon, wie die Straße hier weitergeht. Auch wenn Mascha alles "zaprosto" schaffen kann. Uns gehen die Kräfte zur Neige. Ziemlich erschöpft fahren wir die letzten 115km bis Kujbyshev.

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Das einzige Hotel ist bald gefunden und wir ziehen ohne Wenn und Aber ein. Es gab kein gutes Zimmer mehr. Aber nach einer Mückenattacke und den Güssen, wollten wir kein Zelt mehr aufbauen.
Dank Corinna haben wir eine wunderbare neue Reiselektüre[1]. Sie hat mir das Buch zum Abschied geschenkt und wir lesen uns nun abends gegenseitig daraus vor.

[ 1 ] Thubron, Colin: Sibirien: Schlafende Erde - Erwachendes Land. Klett-Cotta. Stuttgart, 2001.

  
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letzte Aktualisierung: 27.11.2004