Mein Winter in Maximicha I
21.-22.12.05

In Chaim am kleinen Markt und heiligen Schamanenplatz, wo wir traditionell immer halten, um ein paar Münzen zu werfen und Piroschki zu heißem Tee zu verzehren, hat Carsten das Steuer von mir übernommen und die schwerbeladene Mascha mit Massen an Lebensmitteln, Matratzen und Kleinkram sowie Alex, Sanka, Lilli und mir sicher durch den immer tiefer werdenden Schnee heil nach Maximicha chauffiert. Gerade rechtzeitig mit einbrechender Dunkelheit schaufelten wir mit allen verfügbaren Schippen und Spaten das Hoftor frei, um es wenigstens soweit aufzumachen, das Mascha durchpasste.

Während der vier Tage, die Alex und Carsten in Ulan-Ude waren, um mich abzuholen, hatte es mindestens 25cm neu geschneit und so haben wir jetzt in Maximicha eine traumhafte Schneelandschaft von insgesamt wahrscheinlich 80cm Schnee.
Der Ofen prasselte schon, als wir ankamen. Kalt war es aber ohnehin nicht, da das Außenthermometer lediglich -5 Grad zeigte, gut 10 Grad wärmer als in Ulan-Ude. Dabei hatten alle in der Stadt gewarnt, am Baikal wäre es doch so kalt...

Weil bei der Nachbarin das Hoftor schon zu war, konnten wir kein frisches Trinkwasser mehr bekommen, haben stattdessen Schnee geschmolzen. Der hauseigene Brunnen liefert leider kein wirklich sauberes Wasser. Allerdings wurde er auch lange nicht mehr benutzt, weil Veras Pumpe schon vor längerer Zeit den Geist aufgegeben hatte. Der Frühling wird genaueres zeigen und so sehe ich es noch nicht als Drama an.

Nach einer großen Aufräumaktion und einem schnellen Abendessen fielen wir alle auf unsere Lager. Meins habe ich schnell auf einer Baumwoll-Matratze und einem Scherdek (Filzteppich) gerichtet und die erste Nacht in meinem kleinen Reich geschlafen wie ein Stein.

Am nächsten Morgen die ersten verschlafenen Schritte zur Toilette im Garten. Diese Schneemassen. Durch die Wärme draußen, war es auch drin noch schön warm und wir haben den Ofen nicht zum Frühstück schon geheizt. Carstenmachte sich nach dem ersten Kaffee zum Schneeschippen auf, während Alex mit mir Wasser holen ging. Die Konstruktion der Plumpe ist beeindruckend. Zwei eiserne Zylinder, ein großer Pumpenschwengel. Ein kleiner Rest Wasser muss zum Ansaugen oben eingefüllt und hernach auch wieder abgelassen werden, damit er nicht einfriert und die Plumpe nutzlos macht.
Zwei Eimer Brauchwasser zapfen wir schnöde elektrisch aus dem eigenen Brunnen.

Sehr komisch, dass die beiden sich in Maximicha und in meinem Haus besser auskennen als ich selbst.

Der Brotteig ist angesetzt. Carsten kämpft noch immer mit den Schneebergen. Alex und ich wandern durchs Dorf zum Schreiner, der uns noch schnell einen Tisch, ein paar Bretter für Regale und dergleichen zusammenzimmern soll.
Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir dann auch, dass Kolja zwar gelernter Tischler ist, aber von jemandem angestellt ist, ein schlossartiges Ferienhaus zu bauen, das ab Sommer vermietet werden soll und das er dann auch beaufsichtigen wird. Er ist Burjate und hat aus Dshida gleich alle seine Cousins zum Mitarbeiten eingeladen. Und so wird mir schnell klar, dass die Hocker, auf denen wir zu Hause sitzen sein Zusatzverdienst sind und sicher auf Kosten des eigentlichen Bauherrn gehen.

Auf dem Rückweg machen wir beim Kooperator, einem kleinen Lebensmittelladen halt. Dies scheint einer der Umschlagplätze für den Dorftratsch zu sein. Ich bin noch unbekannt und so ahnt man nicht, dass ich Russisch verstehe. Ich horche auf, als die Verkäuferin dem Kunden vor uns erzählt, dass sie den "Nemzy" sagen müsse, dass Tamara Leonidovna uns gerne sehen wolle. Ich grinse in mich hinein. Soll ich mich zu erkennen geben? Ja, ich kann nicht anders und mische mich in das Gespräch ein. Tamara scheint jene alte Deutschlehrerin zu sein, die Jörg und mir vor 10 Jahren als wir nach Maximicha hineinspazierten hinterher rief: "Ich höre die deutsche Sprache".

Auf dem Nachhauseweg gingen wir gemeinsam mit dem Mann aus dem Laden. Er lud uns auch gleich zu sich ein, wir sollten doch mal vorbeikommen. Ihm fiel auf, dass Sanka ganz anders aussieht, gar nicht sibirisch. Ist sie ja auch nicht. Und nur ganz langsam dämmerte Leonid Fedorovitsch, dass ich vielleicht doch nicht nur die Dolmetscherin von Carsten und Alex bin. Nein, ich bin diejenige, der das Haus gehört. Aber man erzählt im Dorf, es sei eine Deutsche, die es gekauft habe. Ja, das bin ich.

Zwar wissen Alex, das wie, wo und was, aber den Tratsch konnten sie mangels Sprachkenntnisse nicht bereichern.

Die Atmosphäre im Dorf ist unglaublich herzlich. Man ist nicht mehr einer der unzähligen Sommertouristen, sondern einer von ihnen. Beeindruckend, wie wir von den Leuten an- und aufgenommen werden. Ein bisschen ist die erste Neugier aber auch schon abgeflaut. Ein bisschen weiß man jetzt schon, wie die Deutschen hier leben und dass sie nicht nur Butterbrote essen, dafür aber die Banja zweimal die Woche heizen.

Carsten war inzwischen in der Küche und im Wohnzimmer mit dem Abmontieren der alten Lampen beschäftigt. Ich rollte den neuen roten Teppich aus, womit das Wohnzimmer gleich 100% Gemütlichkeit gewann. Fehlen noch die Vorhänge zumindest zur Straße hin, dass wir nicht so ganz auf dem Präsentierteller sitzen - abends.

Jetzt nach 24 Stunden prasselt der Ofen wieder. Wir schlürfen ein Gläschen Wein und naschen Plätzchen, bis Alex plötzlich sagt: "Wir dürfen Weihnachten nicht vergessen."

Ja, übermorgen ist das Fest und die Gans liegt auch schon bereit. Über einen Baum haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Witzig wäre es natürlich, aber ob wir das alles zeitlich schaffen? Baum sägen gehen und Holz hacken, Banja heizen, weil Samstag ist, Wasser schleppen, heizen...
Langweilig wird es einem kaum auf dem Dorf, auch wenn man keiner geregelten Arbeit nachgeht, man hat immer etwas zu schaffen.

Fortsetzung... Teil II