Wo willst du nur hin?

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Stolz berichte ich meinen Freunden nach meinem letzten Rußlandaufenthalt, ich hätte einen Platz gefunden für ein Auslandssemester mit Praktikum. Deutsch als Fremdsprache werde ich unterrichten, Russisch studieren. Eine Wohnung steht auch schon für mich bereit und die Einladung für mein Visum ist unterwegs.
- Und wo soll das alles stattfinden?
- In Ulan-Ude.
- Aber Eliane: Was willst Du denn in der Mongolei, noch dazu um Russisch zu lernen?
- Ich fahre nicht in die Mongolei!
- Wohin denn dann? Ulan-Ude ist doch die Hauptstadt.
- Ja, ja Ulan-Ude ist eine Hauptstadt, aber nicht von der Mongolei.
- Bist Du ganz sicher?
- Todsicher!
Wenn schon alle so dumm fragen, laß ich mich gerne auf so ein Spielchen ein, es muß ja keiner wissen, daß ich vor kurzem selbst noch nicht wußte, wo Ulan-Ude liegt.
- Also, Ulan-Ude ist die Hauptstadt von Burjatien.
- Wovon?
- B U R J A T I E N.
- Und Du glaubst, da kannst Du wirklich Russisch lernen? Nicht etwa 'Burjatisch'?
Ich zog alle Register meines Wissens über Burjatien. Viel wußte ich nicht, aber es genügte, um meine Bekannten, darunter übrigens auch Russen zu überzeugen.
- Burjatien ist eine kleine autonome Republik in Sibirien,...
- Na, das wird schon so ein Tschetschenien sein, wo sich alle gegenseitig die Köpfe einschießen. Hast Du da keine Angst davor?
- Tschetschenien hin, Tschetschenien her. Da ist es absolut ruhig.
- Aber trotzdem ich würde in dieser Lage nicht nach Rußland fahren.
- Ihr seid nicht aus Deutschland geflohen, weil auf dem Balkan Krieg ist und Burjatien liegt viel weiter weg von Tschetschenien, als Deutschland von Jugoslawien. Ich habe keine Angst! Ich fahre!
In Burjatien leben etwa eine Million Menschen und davon sind ungefähr 300.000 Burjaten. Die jungen Burjaten verstehen bestenfalls noch Burjatisch, die wenigsten von ihnen sprechen es. Auf den Dörfern ist es sicher anders, aber ich werde ja in der Stadt sein. Und außerdem lernten in der Sowjetunion alle ohne Ausnahme Russisch in der Schule.
Ich fuhr, niemand konnte mich von meiner Idee abbringen. Natürlich wußte ich selbst auch nicht so genau, wo ich eigentlich hinfahre, aber durchschnittlich dreihundert Sonnentage im Jahr ließen mich auf ein freundliches Volk schließen.
Und genau das fand ich dort vor, bis auf eine Ausnahme, von der ich noch berichten werde, die aber überall hätte passieren können. Burjatien erwies sich als eines der liebenswürdigsten Länder, das sich im heutigen Rußland finden läßt. Burjaten und Russen akzeptieren sich, tolerieren die verschiedenen Traditionen, lassen beide Sprachen gelten. Ein ruhiges angenehmes Land, von dem sich niemand vorstellen kann, daß es sich von Rußland trennen kann und wenn, dann keinesfalls gewalttätig. Ein Land mit einfach guten Voraussetzungen für einen halbjährigen Aufenthalt, um Russisch zu studieren und vielleicht sogar besser, als in Moskau oder St. Petersburg, da sich bis hinter den Baikal kaum Ausländer verirren.

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004