Ein Skin in Ulan-Ude

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Ich hörte etwas, das ich erst auf den zweiten Anlauf verstand und das genauso wie "Heil Hitler" klang. Hatte ich wirklich richtig gehört?
Wie vom Blitz getroffen drehte ich mich erschrocken auf dem Absatz um, um zu erkunden, wer das gesagt haben könnte - in Burjatien, einer kleinen autonomen Republik Rußlands.
Kurz den Übeltäter entlarvend, trat ich einer wartenden Gruppe näher, um mechanisch dem vermeintlichen Nazi eine Ohrfeige zu geben. Ohne weiteren Kommentar verließ ich die staunende Runde. Offenbar hatten sie erwartet, daß ich das als angebrachte Begrüßung akzeptiere.
Mir selbst wurde erst einige Minuten nach dem Vorfall bewußt, was passiert war. In jedem Fall hielt ich meine Tat für richtig, wenngleich ich sonst nicht handgreiflich werde, wenn irgend jemand was sagt. Allerdings kam ich mit meinem Stolz nicht weit, denn mein Opfer, durchaus der Student, der mich herausgefordert hatte, kam hinter mir hergerannt, um zu erfahren, warum ich ihn denn geschlagen hätte.
Als ob es nicht Grund genug ist, wegen "Heil Hitler" eine Ohrfeige einzufangen? Er gehört zu den russischen Skins, die versuchen sich an den deutschen zu orientieren. Ich solle doch verstehen, was er meinte. Ich entgegnete ihm, daß es nicht angebracht sei mit Deutschen auf diese Art und Weise zu scherzen. Alle, mit wenigen Ausnahmen würden seinen Ausruf wie ich auffassen.
- Aber es wäre kein Scherz gewesen, er meine das ernst.
- Um so schlimmer!
Er empfahl mir die Lektüre von "Mein Kampf" und beteuerte gleichzeitig ein sogenannter neutraler Skin zu sein. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre eines jeden Menschen, besonders eines jeden Deutschen sein, es stünde nämlich soviel richtiges darin.
Ich antwortete ihm knapp, daß er im Falle Hitlers Siegs gar nicht existieren würde.
- Ja, aber Hitler hat ja nicht gesiegt und er hätte es sowieso nie geschafft.
Und auf keinen Fall sollte ich vergessen, den deutschen Skinheads mitzuteilen, daß es auch im fernen Burjatien Mitstreiter gäbe. Mitstreiter wofür? Es braucht nicht sehr viel Hirn, um zu begreifen, daß die deutschen seiner Art, nicht lange mit sich reden ließen, um mit ihm kurzen Prozeß zu machen.
Jedenfalls solle ich auf keinen Fall schlecht über Deutschland denken, und vor allen Dingen Deutschland ehren und stolz sein, denn er könne ja nur schwer deutschen Nationalstolz zeigen.
Das sagt er mir, die ich aus einer Generation stamme, die sich zwar einerseits nicht schuldig fühlen darf, dafür was im Dritten Reich alles geschah, die andererseits aber dennoch gemahnt ist, das Vergangene nicht wieder auferstehen zu lassen.
Ich wollte einen Vergleich Hitlers mit Stalin antreten, ob er denn darauf auch stolz sei, das ließ er aber nicht zu, das sei etwas ganz anderes, Menschen zu deportieren,...
Also war ihm auch schon die Auschwitz-Lüge eingetrichtert worden. Ich geriet in Wut, wollte so schnell wie möglich zu einer Freundin, um mit ihr über diesen Vorfall zu sprechen.
Er, dessen Namen ich mir nicht merken wollte, ließ nicht locker, ich solle mitkommen auf ein Bier. Was sollte das? Etwa mit ihm Brüderschaft trinken? Ich war so entsetzt, daß mir die Worte fehlten. Ich stürmte einem Heulkrampf nahe nach Hause.
Zum Abschied schlug er die Hacken zusammen, riß den rechten Arm gestreckt in die Höhe und brüllte ein weiteres Mal "Heil Hitler" über die Straße. Konnte es wirklich so etwas geben acht Flugstunden von Deutschland entfernt?

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004