Tag des Lehrers

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Russen, so sagt man, trinken gerne, aber weil man nicht ohne Anlass trinkt, sucht man sich welche. Und das sind Feiern äußerst illustrer Art. So etwa der Tag des Lehrers, der alljährlich am 1. Sonntag im Oktober begangen wird.
Nun ist zwar gar nicht Sonntag, sondern erst Freitag, aber das stört nicht weiter, da am Sonntag eh keine Zeit zum Feiern sein sollte.
Ich platze mitten in die Vorbereitungen: Salate werden geschnippelt, Posy, das burjatische Nationalgericht, gekocht. Eine Stunde später klingeln die Gäste, sie bringen Wodka und Cognac.
Schnell noch ein paar Stühle in die Küche gestellt, den Tisch in die Mitte geschoben und schon sitzen alle rund um den überquellenden Tisch und jeder hält ein Glas Wodka oder Cognac in der Hand.

Ein Toast auf die Lehrer, die unser aller Vorbild sind. Alle trinken und schieben schnell ein Gäbelchen Salat hinterher.
Ein Toast auf die Pädagogen, die die wichtigsten Menschen im Land sind. Wieder kneift keiner. Schnell eine Posa geschlürft, man ist sie mit den Fingern und muss erst die Brühe aus der Teigtasche trinken, weil man sich sonst kläglich bekleckert. Eine Serviette bitte.
Und ein Toast auf die Eltern, weil sie die bedeutendsten Lehrer in unserem Leben sind. Der dritte Toast geht in Burjatien traditionell auf die Eltern. Austrinken - bis zum Ende. Das ist Pflicht. Für die Eltern muss man das tun.
Ein Toast auf den Lehrer der ersten Klasse, weil wir ihn so lieben und so gut in Erinnerung haben. Die Servietten sind alle, mit schmierigen Fingern halte ich mein Glas, bis mir ein Küchenhandtuch über den Tisch gereicht wird.
Ein Toast auf die Lehrer, weil sie so gutherzig sind. War noch nicht bald jeder einmal an der Reihe?
Ein Toast auf die ehemaligen Lehrer, die nur aus materiellen Gründen nicht mehr als solche arbeiten. Aber sie bleiben Pädagogen ein Leben lang und darum dürfen sie nicht vergessen werden.
Ein Toast auf die Lehrer, die uns den rechten Weg gewiesen haben. Oh je, welcher war das nur?
Ich erhebe das Glas aus Anstand, aber unterschreiben möchte ich kaum einen dieser Sprüche. Immer wieder entfahren mir leise Kommentare, die doch irgendwer zur Kenntnis nimmt und genauer hinterfragt. Ich fand keinen meiner Lehrer zum Vorbild, ich habe die ganze Schule in mehr oder weniger schlechter Erinnerung. Ich kenne auch so viele russische Lehrer, auf die ich beim besten Willen nicht trinken möchte.
Jetzt bin ich dran, was sage ich denn nur?
Ein Toast auf die seltene Gabe, wirklich Pädagoge zu sein, was keiner ist, bloß weil er auf Lehramt studiert hat oder ein Lehramt inne hat.
Die letzten Reste reichen gerade noch für ein "Auf uns, die Lehrer!", denn zu unser aller Glück sitzen an diesem Abend ausschließlich Pädagogen um den Tisch.

Ende

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004