Die Kartoffel I

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Alle Jahre wieder, wenn die Temperaturen auch nachts die Frostgrenze nicht mehr erreichen, gerät ganz Rußland in Bewegung. Die, die Glück hatten können gleich hinter der Stadtgrenze beginnen, die anderen begeben sich auf stundenlange Reisen. Wohin? Ein Spaten, ein Stück Land und wenigstens ein Sack Kartoffeln sind im Gepäck.
Was verbirgt sich dahinter? Die Privatisierung der Landwirtschaft? Ein neues Öko-Bewußtsein? Oder die Finanzen?
Jeden Russen treibt es unwillkürlich an den Wochenenden in die weite Flur. Fragt man sie warum, dann heißt es meist, es macht Spaß. Familien verwandeln sich in Arbeitsbrigaden. Zwei werden graben, die anderen beiden setzen dann die Kartoffeln. Vor dem ersten Spatenstich, darf das wichtigste nicht vergessen werden. Für jeden "Sto gramm" Wodka, damit die Kartoffeln gut gedeihen. Sollte man das vergessen, braucht man im Herbst gar nicht erst zur Ernte ausziehen.
Ich fuhr mit Freunden, die über den GAI, der russischen Verkehrspolizei, ihren Anteil erhielten. Die achtzig Kilometer wodkagetränkte Fahrt verging schnell. Die dortige Kolchose stellte einen Acker zur Verfügung. Schnell wurde für jeden ein Streifen ausgemessen, auf dem seine privaten Erdäpfel wachsen dürfen. Stöckchen bilden Grenzpfähle, die sorgsam beschriftet werden, eine Verwechslung wäre das schlimmste. Meine Freunde haben nur zwei Säcke Saatgut, für vier Personen reicht das leicht über den Winter. Andere machen sich an die Arbeit ganze Wagenladungen zu setzen, sechs, acht, zehn russische Zentnersäcke. Nebenbei sei bemerkt, daß ein russischer Zentner zwei europäischen entspricht, also hundert Kilogramm wiegt. Ein Wetteifern beginnt, wer ist schneller. Da wir mangels Masse sowieso die schnellsten wären, gönnen wir uns gelegentlich eine Runde Wodka. Die Vorsorge für den Winter ist getroffen, wir setzen uns ins Auto und lehnen uns zurück. Fürs erste sind wir fertig. Die Ernte wird der größere Brocken Arbeit, trotzdem kann der Winter ruhig kommen, gehungert wird auf keinen Fall. Zumal ich, eine Deutsche, mitgeholfen habe.
Das erste mal in meinem Leben, wahrscheinlich auch das letzte, denn eine Genugtuung konnte ich nicht entdecken. Und für Russen steckt eben weit mehr dahinter, als die reine Versorgung. Ein Volkssport, eine für uns eigentümliche Verbundenheit zur Natur, eine Art Zwang, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man die "russische Seele" im Herzen trägt. Sind die Kartoffeln dann erst einmal unter der Erde, kann man sich getrost am nächsten Wochenende zum Schaschlikbraten in den Wald begeben, was bestimmt ein Vergnügen wird, das auch ich verstehen kann.

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004