Ein Tag für ein bißchen Auskunft und
warum dann doch alles nichts nutzte

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Sotschi, der russische Kur- und Erholungsort am Schwarzen Meer, fast jeder Sowjetbürger konnte hier schon einmal seinen Urlaub verbringen. Und auch sonst ist der Ort weithin für sein subtropisches Klima bekannt. Warum sollte man sich das dann nicht auch mal anschauen. Abgesehen davon könnten wir ja auch von hier aus ganz gut nach Jalta auf die Krim fahren, denken wir. Also fragen wir alle Leute, die wir treffen, ob es von Sotschi auf dem wasserweg nach Jalta ginge. Selbstverständlich, keine Frage, warum denn nicht?
Gegen acht Uhr morgens machen wir uns guten Mutes auf den Weg zum Hafen, studieren dort den Fahrplan und stutzen. Warum steht hier kein Wort von Jalta, nicht einmal Sewastopol, gar kein ukrainischer Hafen wird scheinbar angelaufen. Wir können es nicht glauben. Vielleicht ist das nicht der richtige Fahrplan, die russischen ungeschriebenen Gesetze kenne ich. Am Schalter brauche ich also von vorneherein gar nicht zu fragen, das Schild verweist in derbem Ton auf das Auskunftsbüro, wer jetzt denkt, das wäre etwas wie Touristen-Information, hat weit gefehlt. Es handelt sich hierbei bestenfalls um eine belebte Fahrplanauskunft. Also wecke ich die Frau aus ihrem Schönheitsschlaf, indem ich an das etwa 10 mal 15cm große Guckloch klopfe. Mürrisch öffnet sie ihr Fensterchen, ich bücke mich hinein und frage, ob es denn kein Schiff nach Jalta gäbe.
- NEIN!
- Was heißt 'Nein'? Gibt es wirklich gar nichts, um auf die Krim zu kommen?
- NEIN!
Wir können es nicht glauben, es kann doch nicht sein, daß an diesem Gewässer nur noch einmal am Tag ein Ausflugsboot in das 250 km entfernte nochrussische Noworossisk fährt und einmal in der Woche nach Istanbul und Trabzon in die Türkei.
- Gibt es denn vielleicht von Noworossisk aus ein Schiff? insistiere ich weiter. Ein Schulterzucken und die Klappe fällt zu. Technische Pause oder hat sie keine Lust mehr? Letzteres scheint eher der Fall zu sein.
Wir beratschlagen und entscheiden uns, nach einem Flug zu fragen. Es geht auf elf Uhr zu und wird heiß, nach einer kleinen Erfrischung ist das Flugbüro gefunden.
- Ach Sie sind Ausländer, ja dann müssen Sie im Internationalen Sektor fragen, ich kann Ihnen hier keine Auskunft geben.
Ich wollte ja eigentlich nur wissen, ob und wann Flüge gehen. Es gibt Flüge, ob wir aber in Jalta am Flughafen ein Transitvisum bekommen können, weiß die Frau auch nicht. Endlich eine nette Person, die sogar zum Telefonhörer greift, um unser Problem zu lösen. Von hier aus würden uns die Russen nicht ausreisen lassen, wenn wir kein ukrainisches Visum hätten, mehr könne sie uns nicht sagen.
Probleme über Probleme, die man nicht verstehen kann. Was geht es die Russen an, ob die Ukrainer uns reinlassen oder nicht. Aber den Versuch zu starten und dann womöglich für viel Geld wieder umkehren zu müssen, ist auch nichts. Also lassen wir Flugzeug Flugzeug sein und begeben uns zum Bahnhof. Irgendwie muß man doch aus dieser Sackgasse wieder herauskommen, es kann doch nicht sein, daß wir hier wirklich feststecken.
Auf die Krim können wir nur mit Umsteigen in Rostow na Donu am Asowschen Meer gelangen. Und das braucht viel, sehr viel Zeit. Wir studieren zum x-ten Mal die Landkarte, gibt es wirklich keine andere Möglichkeit? Es wird Nachmittag, in einem Straßencafe kommt uns ein Gedanke.
Es muß doch eine Fähre geben an der Meerenge von Asowschem und Schwarzem Meer. Diese zehn Kilometer können doch nicht unüberwindlich sein. Also schließen wir den Kreis, gehen noch einmal zum Hafen und fragen, auch wenn ich jetzt am liebsten in die Fluten springen würde. Die altbekannte Antwort hätte die Frau sich sparen können, oder ich die Frage. Wie immer natürlich nur ein Schulterzucken.
Rose bittet mich ein allerletztes Mal für heute einen Schiffsjungen auszuhorchen, vielleicht weiß der mehr, als alle anderen. Er weiß. Mit dem Schiff nach Noworossisk, dann mit dem Bus nach Port Kawkas, dort mit der Fähre übersetzen und meistens wartet schon ein Anschlußbus nach Jalta. Und mit den Visa kann es gar nicht so ein Problem geben, denn eigentlich kontrollieren die nie.
Wer hätte es gedacht. Nur die Fahrkartenkasse hat jetzt leider schon zu.

Einen ganzen Tag waren wir auf den Beinen, um diesen schlauen Weg herauszufinden. Endlich sitzen wir auf der Fähre, die Krim in Reichweite. Unsere Freunde werden sich freuen, wenn wir sogar früher als erwartet ankommen. Der Hauptingenieur des Kahns, verhandelt schon mit einem Busfahrer, der uns zum zentralen Busbahnhof des Hafenörtchens Kertsch bringen soll. Der Wind bläst uns um die Ohren und wir sind glücklich, wieder einmal der russischen Dummheit ein Schnäppchen geschlagen zu haben. Nicht einmal die russischen Grenzer haben Probleme gemacht. Wunderbar, alles klappt wie am Schnürchen.
Die Fähre legt an, Rose besteigt mit unserem Gepäck den Bus und ich mache mich bereit die Transitvisa zu erstehen. Der Natschalnik studiert die Pässe und schwupps sind sie in seiner Hosentasche verschwunden.
Moment mal, was soll das heißen? Ich sehe an seinem Gesichtsausdruck, daß es nichts Gutes bedeutet, daß wir hier stehen. Ich frage ihn freundlichst, ob wir denn kein Transitvisum bekommen könnten. Er reagiert überhaupt nicht, fertigt lieber alle anderen ab. Alle Versuche eine Erklärung zu hören werden von ihm abgeschmettert. Nach zehn Minuten werde ich von einem anderen Grenzer ins Büro gebracht. Was wird wohl Rose denken, wenn ich verschwunden bin?
Der Schreibposten fängt an zu schreiben, schließlich muß alles über die Illegalen protokolliert werden. Verheiratet? Kinder? Abhängig Beschäftigt? Unterhalt von wem? Wozu will der das alles wissen, wenn er uns sowieso nicht in sein Land reinläßt?
Mittlerweile sitzt Rose mit dem Berg von Gepäck am Schlagbaum und sorgt sich um mich, keiner sagt, wo ich bin, warum sie nicht im Bus bleiben konnte. Ein Fragezeichen reiht sich an das andere.
Ich fange ein drittes Mal zu zetern an, selbst Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien und alle anderen GUS-Staaten lassen einen ungehindert durchreisen, wenn man wenigstens ein Visum eines anderen GUS-Staates hat.
Wo hätten wir denn das Visum bekommen können? In Kiew!
Aber wie wir dahin kommen können, verrät er uns nicht, wenn man uns hier schon nicht in die Ukraine läßt.
Ein Zöllner kann sich's nicht verkneifen: Die soll'n halt fliegen, die haben doch genug Geld.
Mir platzt entgültig der Kragen, dieser unangebrachte Neid. Würde er wenigstens versuchen ein bißchen mitzumischen und nicht nur auf die Anweisungen von oben warten, könnte sich vielleicht etwas ändern, aber er hat den Befehl bis zur Abfahrt der Fähre - immerhin über eine Stunde uns zu bewachen und erst beim Ablegen uns die Pässe auszuhändigen. Auf die Frage, ob er auch einfach auf Kommando einen Menschen erschießen würde, reagiert er nur mit einem müden Lächeln, denn das wäre gar nicht sein Job.

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004