5 Internet und Fremdsprachenunterricht

Kapitel4 Kapitel6
 
5.1    Das Internet als Informationsmedium
5.2    Das Internet als Publikationsmedium
  Exkurs: Schreiben im Fremdsprachenunterricht
5.3    Das Internet als Kommunikationsmedium

Wie der Einsatz des Computers im Unterricht allgemein, so ist er auch im Fremdsprachenunterricht nichts Neues. Doch so wie einst große Hoffnungen in das Sprachlabor gelegt, aber nie ernsthaft genutzt wurden, erging es bislang CALL (Computer Assisted/Aided Language Learning). Wie schon in Kapitel 3 zum Ausdruck gebracht, wird dem Computer ein hohes Maß an Skepsis entgegen gebracht. Solche Gedanken sind nicht unbegründet, wenn wir die Anfänge von CALL betrachten.[1] Es genügt nicht langweilige Drill-Übungen in einem Programm zu verstecken und den Lerner damit Glauben machen zu wollen, so lerne es sich leichter, spannender oder schneller.[2] Beispiele finden sich bei Breindl. Für weitere Details von CALL vgl. Rüschoff (1988), Fechner (1994), Brücher (1994), Kleinschroth (1996) u.a. Sicher haben im Lauf der Jahre immer wieder neue Versuche gezeigt, daß der Computer sinnvoll in den Fremdsprachenunterricht zu integrieren ist, aber durchsetzen konnte er sich nicht.

Dabei bietet der Computer auch durch das Internet ungeahnte Möglichkeiten. Durch die Eigenschaft der Multimedialität wird der Computer für den Fremdsprachenunterricht interessant. Breindl bescheinigt CALL eine Renaissance, allerdings auf einer neuen Ebene.[3]

Die spezifischen materiellen Gegebenheiten des Internet [sic!], nämlich Multimedialität, Interaktivität und Hypertextualität bieten ideale Voraussetzungen, den in der Pädagogik wurzelnden jüngeren Paradigmenwechsel des Fachs [Deutsch als Fremdsprache] umzusetzen: weg vom "instruktionalen Paradigma" hin zu einem Ansatz, der den Lerner selbst und seine individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.[4]

Der Einsatz von Internet im Unterricht ist jedoch mehr als eine Ergänzung von CALL durch die diversen Online-Möglichkeiten.

Wie schon angesprochen wurde (Kapitel 2.3), ist das Internet Publikationsmedium, Informationsmedium und Kommunikationsmedium. Diese drei Aspekte lassen sich in den Fremdsprachenunterricht sehr gut integrieren.

5.1 Das Internet als Informationsmedium

aufwaerts

Als Informationsmedium kann das Internet sowohl vom Lehrer als auch vom Lerner genutzt werden. Die Vorteile des Nachschlagens und Suchens von Informationen im Internet sind vor allem in der Aktualität und Authentizität der Texte zu sehen. Auch von geographisch weit abgelegenen Ländern ist es möglich, via Internet Material über oder aus dem Zielsprachenland zu sammeln.[5] Ein Problem kann allerdings in der Menge der Informationen bestehen. Es muß einerseits richtig gesucht werden (Vgl. Kapitel 2.2.2.5), andererseits bedarf es auch einer Medienkompetenz[6], nicht alles, zu glauben, was im Internet veröffentlicht ist, ohne es zu hinterfragen.[7] Es muß folglich für den Unterricht eine Auswahl im doppelten Sinne stattfinden, erst aus der Masse der unsortierten Informationen und schließlich daraus wiederum die relevanten und für den Unterricht brauchbaren.

Das Internet bietet inzwischen nicht nur landeskundliche Materialien oder Informationen von persönlichem Interesse (z.B. Darstellung von Hobbies, Lieblingsmusik, etc.), sondern auch Nachschlagewerke. Es existieren z.T. kostenpflichtige Lexika, Wörterbücher und Grammatiken. Das Angebot hängt von der Sprache ab, so sind z.B. bedeutend mehr englische oder angloamerikanische Wörterbücher als deutsche zu finden.[8] Die Qualität ist ebenso sehr unterschiedlich. Die kostenpflichtigen Referenzwerke sind in der Regel besser ausgestattet, allerdings können Schulen und Universitäten oft günstigere Campuslizenzen erwerben. Vgl. z.B.: GRAMMIS, das grammatische Informationssystem des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim. Dieses Projekt befindet sich noch im Aufbau, bietet aber dennoch ein Glossar zu grammatischen Fachbegriffen, ein Wörterbuch mit genauen Hinweisen zu Wortart, Stellung im Satz, Aussprache, Rektionen, etc. sowie einer Grammatik, in der Phänomene des Deutschen erklärt werden.

Die Universität Leipzig arbeitet an einem "Wortschatz-Lexikon", das bereits 6 Millionen Wörter ebenfalls mit sehr genauen Hinweisen umfaßt. Eine sehr umfangreiche Liste von Lexika und Wörterbüchern findet sich bei "Your Dictionary".

Über die puren Informationsmöglichkeiten hinaus können mittels des Informationsmediums Internet natürlich auch die rezeptiven Fähigkeiten unterstützt werden. Gerade das kursorische, überfliegende Lesen ist im Internet sehr wichtig, um möglichst schnell an die relevanten Informationen zu gelangen. Die Lerner sollten möglichst konkrete Aufgabenstellungen bekommen, was zu finden ist, damit sie sich nicht auf der Suche verlieren. Der Lehrer muß bei der Vorauswahl der Online-Texte unbedingt darauf achten, daß die Seiten gut strukturiert sind.

5.2 Das Internet als Publikationsmedium

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Das Internet bietet uns die Möglichkeit, relativ einfach Texte, Bilder, Tondokumente zu veröffentlichen. Es gibt bereits eine ganze Reihe von Programmen, die einem bei der Erstellung von Webseiten wertvolle Dienste leisten, so daß beinahe jeder, der einen Computer samt Internetzugang hat, sein eigenes Werk produzieren kann. Dies gilt auch für den Fremdsprachenunterricht. In der Regel findet die Publikation im Rahmen eines Projektes statt, das eine Lernergruppe durchgeführt hat.

So wäre es denkbar, daß eine oder mehrere Klassen zu einem Thema Informationen sammelt und in gemeinschaftlicher Arbeit im Internet präsentieren, worauf dann andere Klassen zurückgreifen könnten. Durch die Möglichkeit, Texte mit Bild und Ton zu verbinden, sind auch hier der Phantasie der Lerner und Lehrer kaum Grenzen gesetzt. Eine Wandzeitung oder Ausstellung nicht nur in den eigenen vier Wänden für sich selbst zu gestalten sondern für die "ganze" Welt, motiviert natürlich sehr.

Wichtig bei der Gestaltung von Webseiten scheint hierbei zunächst weniger der aktive Gebrauch der Sprache, als vielmehr die hyper- und multimediale Auseinandersetzung mit dem Thema. Wie sollte es aufgegliedert werden, damit andere es verstehen und sich leicht durch die verschiedenen Seiten finden? Es muß eine übersichtliche Netzwerkstruktur geschaffen werden. Es ist außerdem zu überlegen, wie stark die einzelnen Texte modularisiert werden sollen, damit man nicht zur virtuellen "Schriftrolle" zurückkehrt. Modularisierte Texte werden "häppchenweise" verlinkt angeboten, während die "Schriftrolle" der linearen Textform entspricht und sich über viele "Bildschirm"-Längen hinziehen kann.[9] Die Orientierung in langen Texten ist oftmals schwer. Die "Häppchen"-Methode dagegen kann einen leicht vom eigentlichen Ziel wegführen. Es ist ein gesunder Mittelweg zu finden.

Sprachlich gesehen, läßt die Publikation von WWW-Seiten natürlich viel Raum. Es wird eine technische Sprache benötigt, da dem potentiellen Leser Anweisungen gegeben werden müssen. Bildliche Symbole können dies unterstützen, reichen aber sicherlich nicht immer aus. Die eigentlichen Inhalte können literarischer Art sein. Vielleicht hat ein Lehrer mit seiner Klasse Gedichte bearbeitet oder geschrieben, ein anderer vielleicht Märchen, ein dritter hat mit seinen Lernern ein historisches oder auch landeskundliches Thema erforscht. Kontrastive Betrachtungen zwischen verschiedenen Kulturen sind ebenso denkbar. Eine Klassenfahrt wäre auch ein guter Ausgangspunkt für ein Online-Projekt. Ohne Probleme können Photos und Zeichnungen, aber auch statistische Tabellen aufgenommen werden. Wie oben schon angesprochen: Phantasie ist gefragt.

Der für diese Arbeit wichtigste Bereich des Internets sind die Kommunikationsmöglichkeiten. Der folgende Abschnitt wird darum ausführlicher sein, als die vorhergehenden. Bevor hier nun die für den Fremdsprachenunterricht relevanten Aspekte erläutert werden, wird noch ein Exkurs zum Stellenwert des Schreibens im Fremdsprachenunterricht eingefügt.

Exkurs: Schreiben im Fremdsprachenunterricht

aufwaerts

Im Vordergrund des Fremdsprachenunterrichts heute steht nach wie vor das Sprechen. Lange wurde von Pädagogen oder Eltern bemängelt, die Schüler würden trotz detaillierter Sprachkenntnisse in der Fremdsprache nicht frei kommunizieren können. Kommunikative Kompetenz wurde zum Schlagwort und damit das Schreiben zurückgedrängt bzw. auf oft langweilige Unterrichtssequenzen reduziert.

Bei diesen Formen handelt es sich nicht um den Ausdruck von etwas, was der Schreiber mitteilen will, sondern um eine genau bestimmte Art und Weise, mit einem vorgegebenen Text umzugehen.[10]

Wirklich produktives Schreiben fand und findet selten statt. Meist hat das Schreiben obendrein den negativen Beigeschmack einer Leistungskontrolle, im Anfängerunterricht sind dies in der Regel Diktate und Grammatikaufgaben, im fortgeschrittenen Bereich Aufsätze und Übersetzungen.[11] Schriftlich fixiert lassen sich Fehler leichter dingfest machen.

Durch die kognitive Psychologie, die in den 50er Jahren schon einsetzte, wurden zwar die Stärken des Schreibens erkannt, allerdings brauchte diese Einsicht bis in die 80er Jahre, um im Fremdsprachenunterricht "deutliche Spuren" zu hinterlassen.[12] Und auch da ließ die Einstellung, es fehle an wirklichen Schreibanlässen, dem Schreiben kaum eine Chance.[13]

Die kognitive Theorie besagt, daß der Problemlöseprozeß "Schreiben" auf mehreren Ebenen stattfindet. So wird zunächst die Aufgabenstellung analysiert, dann auf Wissen (Welt-, Text- und Sprachwissen) zurückgegriffen und schließlich der Schreibprozeß selbst begonnen. Es gibt verschiedene Modelle zum Schreibprozeß, die jedoch in ihrer Grundannahme übereinstimmen: Es wird das gerade Geschriebene wahrgenommen, der bisherige Text erinnert und das noch zu Schreibende vorgestellt.[14]

Gerade diese wiederholenden und planenden Aktivierungen des Wissens fördern den Fremdsprachenerwerb.[15] Schreiben erfüllt zwei Zwecke im Unterricht. Es wird

als Instrument benutzt, das verwendet wird, um andere Lernziele schneller und effizienter zu erreichen. ... Andererseits ist es das Ziel des Sprachunterrichts - Ausbildung der Fähigkeit, geschriebene Texte zu produzieren - und da hat das kreative Schreiben seinen Platz.[16]

Das kreative Schreiben soll der Entwicklung des Ichs förderlich sein, und eine "Aktivierung der Imaginationskraft" soll zum Schreiben anleiten.[17]

Kreatives Schreiben kann "als eine der Leitlinien eines offenen, von Lernern und Lehrer gesteuerten Sprachunterrichts" gelten.[18] Womit wir dann eine Beziehung zwischen Konstruktivismus und handlungsorientiertem Unterricht herstellen können.

Dem Schreiben, wie es hier beschrieben wurde, fehlt m.E. noch ein wichtiger Aspekt. Unter kreativem Schreiben verstehen die Autoren meist das Produzieren von Texten, die im Alltag weniger Anwendung finden und primär keinen Mitteilungscharakter aufweisen. Es werden Gedichte gestaltet, Märchen neu verfaßt, aber es wird z.B. kein Kontakt zu anderen Menschen, außerhalb des Unterrichts, hergestellt.

Ich verstehe unter kreativem Schreiben also auch Korrespondenzen und da vor allem persönliche, nicht-offizielle. Schriftliche Kommunikationsanlässe gibt es heute wieder reichlich und durch E-Mail, Chat und Newsgroup vielleicht sogar mehr denn je. Meiner Meinung nach hat dieser schriftliche Mitteilungsaspekt an Bedeutung gewonnen und sollte auch im Fremdsprachenunterricht verstärkt eingeplant werden.

5.3 Das Internet als Kommunikationsmedium

aufwaerts

Die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets wurden bereits in 2.2.2Kapitel beleuchtet. Für den Einsatz im Fremdsprachenunterricht kommen Chat und E-Mail besonders in Frage, wobei der Chat noch verhältnismäßig wenig genutzt wird. Ich vermute, das liegt zum einen an der komplexen Organisation, beide Lernergruppen müssen zeitgleich Zugang zu funktionierenden Rechnern und zum Internet haben. Zum anderen müssen die Lerner aber auch der Sprache und des Schreibens halbwegs sicher sein, Korrekturen sind nur bedingt möglich, so daß es zu schwerwiegenden Mißverständnissen kommen kann. Ich werde den Chat weniger berücksichtigen, da er für das Ziel dieser Arbeit keine bedeutende Rolle spielt.

Wie verhält es sich mit E-Mails im Fremdsprachenunterricht? Es kann m.E. ein Trend festgestellt werden, wonach Schreibkontakte zwischen Klassen wieder zunehmen. Aus eigener Schulerfahrung wissen viele, daß Lehrer mit ihren Schülern höchstens fiktive Briefe schrieben. Es fehlte einerseits an den Kontakten, andererseits an der Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit der Post.

Ein E-Mail-Austausch ist seiner Form nach einem klassischen Briefkontakt recht nahe, nur daß die Übertragung auf elektronischem Wege und wesentlich schneller funktioniert.

E-Mails lassen sich auf verschiedene Weise in den Lernprozeß einbauen.

Eine Methode, die, weil sie sehr auf die Lernerautonomie setzt und darum vor allem außerhalb des Unterrichts Verwendung findet, ist das E-Mail-Tandem. Zwei Partner schreiben sich gegenseitig E-Mails, halb in der Muttersprache, halb in der zu lernenden Fremdsprache. Gegenseitig kontrollieren und korrigieren sie die Texte des anderen, die in ihrer eigenen Muttersprache geschrieben sind. Vorausgesetzt wird natürlich, daß die Partner sich in der eigenen und in der Muttersprache des anderen verständigen. Auf diese Weise stehen die Lerner mit der Kultur der Zielsprache in direktem Kontakt, können Erfahrungen und Eindrücke austauschen.[19] Zum Ablauf, Einsatz und zur Tandem-Partnersuche vgl. das International Tandem Network sowie Brammerts (1996 und 1999).

Eine Tandem-Partnerschaft ist ein persönlicher Briefwechsel. Allerdings lassen sich gerade private Texte mit großen Lernergruppen nur schwer für den Unterricht ausschöpfen. Zu unterschiedlich sind die Themenbereiche.[20] Jeder fragt nach seinen persönlichen Interessen, und sie treffen natürlich auch die Privatsphäre der Lerner, mit der im Unterricht sehr sensibel umgegangen werden sollte. Sie haben aber den Vorteil, daß die Lerner aus freien Stücken schreiben, ohne das korrigierende Auge des Lehrers motiviert zur Sache gehen und nicht gebremst werden. Ein persönlicher Briefwechsel setzt allerdings Sympathien zwischen den Partnern voraus, was sicher nicht immer gelingt und auch nur schwer "von oben", also vom Lehrer aus, zu steuern ist. Wie viele vermittelte Brieffreundschaften sind gescheitert, weil die Interessen sich nicht trafen.

Dem persönlichen Briefwechsel gegenüber stehen Klassenkorrespondenzen, die sich im Unterricht leichter verarbeiten lassen. Die Suche nach einem Thema sollte von den Lehrern der Partnerklassen koordiniert werden. So ist es hier sehr gut möglich, einem vorgegebenen Curriculum zu folgen, aber auch den Interessen und dem Lernniveau der Klasse nachzukommen. Häufige Themen sind die unterschiedlichen Schulsysteme, Feste oder Bräuche. Die Themenwahl für eine E-Mail-Kommunikation im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts hängt von der Art des Projekts ab. Je selbständiger die Schüler lernen, um so freier kann sich die Themenwahl gestalten.

Der Vorteil einer Klassenpartnerschaft besteht auch darin, daß z.B. Schüler, die sich alleine keinen Schreibkontakt zutrauen oder sprachlich einem eigenständigen Briefwechsel nicht gewachsen sind, durch gemeinsames Verfassen und Lesen der Briefe auch in den Genuß einer erfolgreichen Kommunikation gelangen können.

Wie die Briefe verfaßt werden, sollte der Lehrer von seinen Lernern abhängig machen. Sind etwa die gängigen Anredeformeln schon bekannt oder müssen sie erst eingeführt werden? Arbeiten die Schüler erfolgreich in Kleingruppen oder gelingt das Schreiben besser als individuelle Hausaufgabe?

Es werden inzwischen E-Mail-Partnerschaften von verschiedenen Institutionen initiiert und auch koordiniert. Die beste Idee für ein E-Mail-Projekt funktioniert nicht, ohne einen Kontakt.

Bekannte E-Mail-Projekte sind u.a. Das Bild der Anderen) oder Das transatlantische Klassenzimmer).[21] In der Regel finden sich Erläuterungen und Kommentare auf den Webseiten der Projekte.

Projekt-Anregungen und nützliche Tips zur Organisation und zum Ablauf bietet außerdem das Goethe-Institut. Übersichten und Dokumentationen auch zu DaF-spezifischen E-Mail-Projekten sind des weiteren auf den Seiten http://www.englisch.schule.de abgelegt. Im Anschluß an E-Mail-Projekte findet inzwischen eine Publikation im Internet statt. Es sollen damit anderen Bildungseinrichtungen Wege und Möglichkeiten aufgezeigt werden.

Eine Dokumentation der Projekte empfiehlt sich ohnehin, damit ggf. Probleme oder Mißverständnisse während der Durchführung auch im Nachhinein analysiert werden können, so daß eine ausreichend große Materialsammlung vorhanden ist, um sie anderen auf Webseiten zugänglich zu machen.

Die Vorteile dieser neuen Kommunikationsmöglichkeiten liegen wie auch beim allgemeinen Einsatz des Internets darin, daß

gerade für sprachlich homogene Lernergruppen im Ausland [...] Kommunikation in der Zielsprache entweder künstlich im Klassenzimmer inszeniert ... oder sie [...] - je nach Entfernung vom Zielsprachenland und ökonomischer Ausgangssituation der Lerner und der Lernumgebung - auf ein Minimum beschränkt [ist].[22]

Außerdem ist E-Mail-Kommunikation durch Spontaneität, Schnelligkeit und Flüchtigkeit ausgezeichnet, was dem Nachrichtenaustausch eine mündliche Komponente verleihen kann, je nach dem, wie das Projekt durchgeführt wird. Reflexion und Korrektur sind aber dennoch möglich, anders als im Chat oder mündlichen Gesprächen.

Mittels Briefen kann darüber hinaus "die Bereitschaft zur Kommunikation mit Sprechern fremder Sprachen gefördert werden."[23] Durch Briefe erhalten wir authentische Texte für den Unterricht und keine stilisierten, adaptierten. Es steckt jemand Wirkliches dahinter, jemand der eine Meinung, ein Hobby hat. Fremdsprachenlerner kommen durch einen Briefkontakt in die Situation, daß die Sprache, die sie lernen, nicht für den Lehrer, für eine Note gelernt wird, sondern für die Verständigung mit eben jenem Briefpartner. Das Sprachenlernen erhält einen Sinn. Lerner stoßen beim Schreiben, aber auch beim Lesen der Briefe oft an die Grenzen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten, so daß sie motiviert werden weiterzulernen, da ein Interesse besteht, dem Partner etwas zu erklären und ihn auch zu verstehen.

Schreibkontakte mit fremdkulturellen Partnern eröffnen Möglichkeiten interkultureller Kommunikation. So wird vor allem Wissen über die eigene und die fremde Kultur vermittelt. Es findet eine interkulturelle Kommunikation statt, die, wenn sie auch "gesichtslos" ist, trotzdem Emotionen übermitteln kann.[24] Es existiert eine ähnliche Betroffenheit der Kommunizierenden, als ob sie sich gegenüber stünden. Es ist kein Betrachten von außen, wie es bei einer touristischen Exkursion oft der Fall ist. Es wird nicht nur (stereotyp) beobachtet und festgestellt, was an der fremden Kultur anders ist, es kann auch bei schriftlicher Kommunikation zu einer Empathie mit dem Partner kommen. Durch einen Schreibkontakt wird in jedem Fall ein neuer sozialer Rahmen gebildet, und es entstehen soziale Beziehungen.[25]

Breindl weist darauf hin, daß Untersuchungen fehlen, wie weit der dem Internet spezifische Sprachgebrauch auch Einfluß auf das Fremdsprachenlernen hat.

Wie Donath aber feststellt, übernehmen Lerner Wörter, Wendungen und Strukturen ihrer Briefpartner und setzen sie auch korrekt ein.[26] Voraussetzung dafür muß allerdings sein, daß die Fremdsprachenlerner mit entsprechenden Muttersprachlern im Austausch stehen, da sonst auch grobe Fehler übernommen werden können.

Damit kommen wir zu einer Problematik, die in der Literatur kaum Berücksichtigung findet: Mit was für einem Sprecher pflegt man einen Austausch? Ich möchte an dieser Stelle wenigstens drei Formen interkultureller Kontakte unterscheiden:

  1. Ist die Korrespondenzsprache für beide Partner Fremdsprache,
  2. lernen die Partner jeweils die Muttersprache des anderen und kommunizieren in beiden Sprachen oder
  3. lernt nur einer die Muttersprache des anderen?

Im ersten Fall liegt das Augenmerk wohl hauptsächlich auf dem interkulturellen Informationsaustausch. Eine qualitative Verbesserung des Sprachkönnens muß in Frage gestellt werden, vor allem dann, wenn beide Partner Sprachprobleme aufweisen. Eine gegenseitige Fehlerkorrektur kann hier nicht das Ziel sein. Förderlich ist solch ein Austausch dennoch, z.B. durch den "Aha-Effekt" - "Wir sind nicht die einzigen, die diese Sprache lernen."

Im Rahmen einer unter Punkt b) beschriebenen Korrespondenz haben beide Lerner die Möglichkeit, auch sprachlich vom anderen zu profitieren. Dies ist vermutlich die effektivste Form von interkultureller Kommunikation für beide Lernerseiten. Die Lerner können sehr gut durch ihre eigenen sprachlichen Probleme die Schwierigkeiten der anderen nachvollziehen. Es kann eine gegenseitige Korrektur stattfinden. Allerdings muß so etwas auch gelernt werden. Welche Fehler sind wirkliche Fehler, was sind evtl. Flüchtigkeits- oder Tipfehler. Der Gegenpart darf durch eine Korrektur nicht desillusioniert werden, da er sonst die Freude an der Kommunikation verlieren kann.

Punkt c) verlangt vom muttersprachlich Schreibenden sehr viel Geduld im Umgang mit Fehlern und im Verständnis. Ihm fehlt gegenüber den unter Punkt b) genannten Kommunikationspartnern die Erfahrung, sich selbst möglicherweise nur mangel- oder fehlerhaft ausdrücken zu können. Es besteht hier die Gefahr einer auch ungewollten Überheblichkeit von Seiten des Muttersprachlers, der die Sprache beherrscht.[27]

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Fußnoten: Zurück zum Text gelangen Sie, wenn Sie die Fußnotenzahl anklicken.

[1] vgl. Rüschoff, 1988, 14f
[2] vgl. Breindl, 1997, Kapitel 2.1
[3] vgl. Breindl, 1997, Kapitel 1
[4] Breindl, 1997, Kapitel 1
[5] vgl. Breindl, 1997, Kapitel 3.1
[6] zur Medienkompetenz vgl. Baacke [u.a.], 1999
[7] vgl. Block, 1999, Kapitel 2.5.1
[8] vgl. Breindl, 1997, Kapitel 3.1.2
[9] vgl. Wagner, 2000, 8
[10] Rösler, 1994, 118f
[11] Rösler, 1994, 119
[12] vgl. Mitschian, 2000, 5
[13] vgl. Schreiter, 1998, 1
[14] vgl. Paris, 1999, 2
[15] vgl. Paris, 1999, 3
[16] Schreiter, 1998, 2
[17] vgl. Paris, 1999, 6
[18] vgl. Schreiter, 1998, 2
[19] vgl. Brammerts/Kleppin, 1998, 42ff
[20] vgl. Wicke, 1995, 36
[21] Donath, Reinhard, Hrsg. (1997): Das transatlantische Klassenzimmer: Tips und Ideen für Online-Projekte in der Schule. Hamburg
[22] Breindl, 1997, Kapitel 3.2
[23] Hamm, 1989, 11
[24] vgl. Fischer, 1998, 11
[25] vgl. Fischer, 1998, 36
[26] Donath, 1997b, S. 261ff
[27] Praktische Handreichungen zum Herstellen und Trainieren von Schreibkontakten finden sich u.a. bei Wicke (1995) und Hamm (1989).

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004