4 Interkulturelle Kommunikation und interkulturelles Lernen

Kapitel3 Kapitel5
 
4.1    Was heißt interkulturelle Kommunikation?
4.1.1    Kultur
4.1.2    Kommunikation
4.1.3    Interkulturelle Kommunikation
4.1.4    Interkulturelle Kompetenz
4.2    Interkulturelle Kommunikation und Fremdsprachenlernen
4.2.1    Relevanzbereiche interkultureller Kommunikation
4.2.2    Interkulturelles Lernen

Nicht zum ersten Mal spreche ich in dieser Arbeit eine Veränderung unserer Gesellschaftsform an. Wenn wir die Welt als Ganzes betrachten, so stellen wir fest, daß sich die räumlichen Distanzen verkürzen, daß die Mobilität der Menschen wächst, daß aber auch eine Metropolisierung stattfindet, also eine Konzentration auf bestimmte Räume, in denen besonders stark wirtschaftlich bzw. politisch gehandeltwird. Viele Faktoren haben auf eine solche gesellschaftliche Entwicklung Einfluß, auch die hohe Technisierung in allen Lebensbereichen. Natürlich bleiben davon Kommunikationsprozesse und ihre Möglichkeiten nicht unberührt.

Die Anfänge einer interkulturellen Kommunikation (IK) lassen sich schon sehr früh datieren. Gab es doch Kaufleute, die Waren aus aller Herren Länder vertrieben, gab es auch Boten, die zwischen Kriegsführern Nachrichten austauschten, oder Missionare, die in anderen Weltgegenden versuchten, Menschen zu bekehren. Heute betrifft die interkulturelle Kommunikation nicht mehr nur Regierende oder ausgewählte Experten, die in missionarischen oder kaufmännischen Aufträgen unterwegs sind. Es findet durch die Mobilität und die Bildung von Ballungsräumen eine starke Migration statt, so daß zwangsläufig verschiedene Kulturen aufeinandertreffen. Und auch der kleinste Bauer muß sich mit dem Globalisierungsgedanken auseinandersetzen, nicht nur, weil ihm das Fernsehen die entlegensten Winkel der Erde ins Wohnzimmer bringt.

Erst mit dem Buchdruck, dem Zeitungswesen, viel später dann mit Radio und Fernsehen und heute mit dem Internet wurde eine Grenzziehung des Begriffs der interkulturellen Kommunikation immer unklarer.

4.1 Was heißt interkulturelle Kommunikation?

aufwaerts

Die Erkenntnis über die Wichtigkeit interkultureller Kommunikation reicht nicht aus, die Bezeichnung muß definiert werden. Ich verzichte auf eine historische übersicht der Forschungsentwicklung.

Ein Weg der Annäherung an eine Definition ist, "interkulturelle Kommunikation" grob in seine lexikalischen Bestandteile zu zerlegen.

4.1.1 Kultur

aufwaerts

Was heißt Kultur? Außer einer alltäglichen Assoziation mit schöngeistiger Literatur, Musik und Malerei denken wir an eine gepflegte Lebensart (z.B.: Eßkultur), an Ackerbau, der aus etymologischer Sicht die eigentliche Bedeutung des Wortes Kultur trägt.[ 1] Doch dieser Kulturbegriff ist sehr eng gefaßt. Wir kennen zusätzlich Bezeichnungen wie "Jugendkultur" und bezeichnen damit besondere Gewohnheiten oder Eigenarten einer sozialen Gruppe.

Nach Rehbein ist Kultur die Erscheinungsform des Alltags, ein Ideensystem, also eine Bewußtseinsform und beinhaltet Traditionen, auch folkloristischer Art. Kultur prägt sich besonders in der Ideologie, im Interesse, im Denken, Fühlen, Sprechen aus. Rehbein bezeichnet Kultur als das gemeinsame Wissen gesellschaftlicher Einheiten, Klassen, Regionen und ganzer Nationen.[2] Kultur ist weiterhin untrennbar mit Sprache verbunden.

Frey definiert Kultur als besondere und distinkte Lebensweise, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind, beinhaltet.[3] D.h., Kultur ist ein Orientierungssystem, welches vom Einzelnen wie von der Gesellschaft beeinflußt wird. Durch die Gesellschaft findet eine Art Modellbildung der Lebensweise für den Einzelnen statt. Es bilden sich Symbole, die innerhalb einer Kultur Allgemeingültigkeit erhalten und von den Angehörigen verstanden werden.[4] Zu diesen Symbolen zählt selbstverständlich auch die Verbalsprache.

Litters spricht im Zusammenhang mit Kultur nicht von einem Orientierungssystem, sondern von einem Kontrollmechanismus, der das Verhalten der Angehörigen steuern kann. Daraus läßt sich schließen, daß daskulturelle Wissen erst durch Interaktion gewonnen wird.[5]

Soweit Kultur durch die Gesellschaft, die Interaktion und durch die "vereinbarten" Symbole entsteht, ist sie keinesfalls statisch, sondern in stetem Wandelbegriffen. Stereotype bilden sich aufgrund eines statischen Kulturbegriffs.

Kultur entwickelt sich sowohl durch das Individuum als auch durch die Gesellschaft, der das Individuum angehört. Es besteht also ein Wechselverhältnis.

4.1.2 Kommunikation

aufwaerts

Eine sehr kurze dennoch treffende Definition von Kommunikation ist folgende:

Kommunikation ist die Verwendung von Zeichensystemen zum Austausch von Informationen.

Dieser Satz bedarf einiger Erklärungen: Zeichensysteme sind z.B. die Verbalsprache, die wir in der Regel als Kinder erlernen, könnenaber auch Bilder oder Gebärden sein. Ein Zeichensystem basiert auf Symbolen, die in einer Gemeinschaft als allgemein bekannt vorausgesetzt werden.

Um Kommunikation zustande kommen zu lassen, müssen folgende Kriterien erfüllt sein. Ist eines nicht zutreffend, so ist von vornherein nicht von Kommunikation zu sprechen:

  1. "Austausch von Informationen" schließt mit ein, daß wenigstens ein Sender und ein Empfänger beteiligt sind.
  2. Sender und Empfänger müssen mittels eines Mediums (z.B.: persönlich, Telefonleitung oder Papier) verbunden sein, da sonst kein Austausch stattfinden kann.
  3. Diese beiden an der Kommunikation Beteiligten müssen über die gleichen Zeichensysteme verfügen.
  4. Es findet eine Interaktion zwischen diesen beiden Beteiligten statt. Das will sagen, daß die Mitteilung des Senders vom Empfänger wahrgenommen werden muß.

Das Ziel einer Kommunikation ist folglich die Verständigung zwischen den Beteiligten.[6]

Es wird zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation unterschieden. Die verbale betrifft nur die äußerung von Wörtern in sinnvollen, grammatisch und phonetisch korrekten Sätzen. Alles weitere wie Tonhöhe, Lautstärke, Gestik, Mimik, etc. zählt zur nonverbalen Kommunikation.

4.1.3 Interkulturelle Kommunikation

aufwaerts

Bei der Eingrenzung des Begriffs Kultur wird immer wieder das Wort Gesellschaft oder auch die Bezeichnung "Angehöriger einer Gesellschaft" genannt. Wir können also daraus schließen, daß sich die menschliche Bevölkerung in Gesellschaften teilt, die sich durch ihre Kultur voneinander unterscheiden.

Der Begriff interkulturelle Kommunikation bezeichnet im Grunde genommen die Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen. Dabei soll auf die Beziehung und Andersartigkeit zweier Kulturen Rücksicht genommen werden. Die Zeichensysteme der Kommunikationsteilnehmer unterscheiden sich. Diese Verschiedenheit muß von den Teilnehmern überwunden werden, dasonst die Kommunikation mißlingt. Es genügt dabei offenbar nicht die Sprache allein. Das Zeichensystem umfaßt in diesem Sinn auch die Kultur, die Gewohnheiten und das Verhalten des Kommunikationspartners ausder entsprechend anderen Gesellschaft.

Hinnenkamp weist dem Begriff "interkulturelle Kommunikation" einige Merkmale zu, die mir sehr treffend erscheinen:

  • Es gibt unterschiedliche von einander unterscheidbare Kulturen.
  • Kultur und Kommunikation stehen in einem Zusammenhang.
  • Kommunikationsteilnehmer sind immer auch Teilnehmer bzw. Teilhaber einer Kultur.
  • Kulturelles spiegelt sich in der Kommunikation wider. ...
  • Kulturteilhabe heißt: In einer spezifischen Weise kommunizieren.
  • Gemeinsame Kulturteilhabe erleichtert die Kommunikation, unterschiedliche erschwert sie.[7]

Als interkulturell lassen sich zwei Richtungen der Unterscheidung zwischen Kulturen benennen. Einmal gibt es eine horizontale Trennung, also die zwischen verschiedenen Gesellschaften (z.B.: Deutsche vs. Chinesen). Und außerdem existiert noch eine vertikale, die innerhalb einer Gesellschaft zu finden ist. Die vertikale umfaßt also verschiedene Gruppierungen und Szenen einer Gesellschaft.[8] Sie heißt bisweilen auch intrakulturell.

Da, wie wir sehen konnten, Kultur durch Handeln ausgedrückt wird, ist zu beachten, daß sie so wenig homogen wie statisch ist. Sie darf nicht mit Gesellschaft gleichgesetzt werden, und auch eine nationale Zuordnung von Kultur ist fragwürdig, wenngleich letzteres sehr oft geschieht.[9]/[10]

Nun noch einige Worte zum Terminus selbst. Neben "interkulturell" sind auch die Ausdrücke "multi-" oder "transkulturell" zu finden. Die Vorsilbe "multi" drückt aus, daß mehrere Kulturen mit- bzw. nebeneinander existieren, sie schließt Interkulturalität nicht aus, allerdings auch nicht zwingend mit ein. Multikulturalität kann aber auch als Kultur-Mix verstanden werden.[11] Beispielsweise haben in Deutschland lebende Jugendliche amerikanische Begrüßungsrituale mit deutschen vermischt, die natürlich nicht nur von den Angehörigen der deutschen Nationalität verwendet werden, sondern z.B. auch von Angehörigen der türkischen.

Transkulturalität ist der Interkulturalität schon recht nahe, besagt aber, daß es eine möglicherweise auch nur einseitige übernahme von kulturellen Elementen zwischen zwei Kulturen gibt.[12] Zum Beispiel versuchten sich, postkolonial gegründete Staaten zunächst "westlichen" Mustern anzupassen. Das Präfix "inter" dagegen hebt die Wechselbeziehung zwischen den Kulturen hervor.[13]

4.1.4 Interkulturelle Kompetenz

aufwaerts

Man findet neben interkultureller Kommunikation auch die Bezeichnung "interkulturelle Kompetenz", beide werden m.E. nicht streng genug von einander unterschieden. Bevor ich jedoch darauf eingehe, möchte ich einige Fragen stellen:

Gibt es überhaupt so etwas wie eine interkulturelle Kompetenz? Falls ja, ist diese dann auch erlernbar oder verbesserbar?[14] Wie kann interkulturelle Kommunikationsfähigkeit vermittelt werden? "Welche Aspekte einer anderen Kultur [sind] für interkulturelle Kommunikation"[15] von Bedeutung? über welches Wissen muß ein Lerner verfügen, um interkulturell kompetent zu sein?

Es genügt sicher nicht, landeskundliches Faktenwissen zu vermitteln, damit interkulturelle Kommunikation zustande kommt. Knapp-Potthoff ist sogar der Ansicht, daß solches Wissen nur indirekt relevant ist.[16] Vielmehr müßte Kultur in ihrer Gesamtheit vermitteltwerden, was aber kaum gelingen wird, weil im Unterricht keine Vollständigkeit erreicht werden kann, da das Lernerniveau, die Sprachfähigkeiten, etc. berücksichtigt werden müssen.

Knapp-Potthoff schlägt als Lösung ein "Modell dynamischer interkultureller Kommunikationsfähigkeit" vor. Die Dynamik scheint ein wesentliches Merkmal im Zusammenhang mit interkultureller Kommunikation zu sein. So findet sie sich in der Kultur wieder, die sich ständig verändert. Der Lernprozeß ist dynamisch, die Aneignung von Wissen geschieht auch nicht "auf einen Schlag". Und die der Kommunikation zugrunde liegende Interaktion ist ebenso dynamisch. Knapp-Potthoff fordert also nicht das "Kopieren kulturspezifischer Verhaltensweisen ... als vielmehr ... [eine] Annäherung in Richtung auf die fremde Kultur."[17]

Knapp-Potthoff will zwei Formen interkultureller Kommunikationsfähigkeit unterschieden wissen: Zum einen die, welche eine Akkulturation anstrebt, also die Fähigkeit zur Teilhabe an einer anderen Kultur, so z.B. durch einen Daueraufenthalt in einer anderen Gesellschaft. Zum anderen jene, welche die möglicherweise zunächst nur mangelhafte Verständigung zum Ziel hat.[18]

Knapp-Potthoff formuliert auf Basis der zweiten Variante eine Definition von interkultureller Kommunikationsfähigkeit:

Interkulturelle Kommunikationsfähigkeit ist die Fähigkeit, mit Mitgliedern fremder Kommunikationsgemeinschaften ebenso erfolgreich Verständigung zu erreichen wie mit denen der eigenen, dabei die im einzelnen nicht genau vorhersehbaren, durch Fremdheit verursachten Probleme mit Hilfe von Kompensationsstrategien zu bewältigen und neue Kommunikationsgemeinschaften aufzubauen.[19]

Zum Begriff der Kommunikationsgemeinschaft vgl. Knapp-Potthoff (1997,194f.) In dieser Arbeit können stellvertretend die Bezeichnungen "Kultur" oder "Gesellschaft" verwendet werden.

"Ebenso erfolgreich" soll nicht mit "auf die gleiche Weise erreichen" mißverstanden werden.[20] Die Kommunikationspartner können auch mit "Händen und Füßen"ihr Verständigungsziel erlangen, es wird keine Konfliktfreiheit vorausgesetzt.

Wir sehen an dieser knappen Ergänzung der Definition, daß das sprachliche Können dieser Meinung nach nicht für das Gelingen interkultureller Kommunikation erforderlich ist. Ob dies so akzeptiert werden kann, wird weiter unten betrachtet.

Die Kommunikationsteilnehmer müssen laut Knapp-Potthoff vor allen Dingen affektive Eigenschaften erfüllen, wie Empathiefähigkeit und Toleranz. Hinzu kommen das kulturspezifisches Wissen, insbesondere darüber, daß die eigene von der fremden Kultur verschieden ist, und das Wissen über Kultur und Kommunikation im allgemeinen. Wer weiß, was für eine gelingende Kommunikation notwendig ist, kann mangelndes konkretes Wissen damit kompensieren. Diese drei Aspekte stellen die Basis für Strategien dar, die für interkulturelle Kommunikation notwendig werden können. Knapp-Potthoff unterscheidet zwei wesentliche Strategie-Formen:[21]

  • Interaktions-Strategie: Es muß die Kommunikationsbereitschafterhalten werden (z.B. Tabuverletzungen vermeiden oder darüber hinwegsehen). Es sollte nach Gemeinsamkeiten gesucht werden, auf deren Basis man die Kommunikation aufbauen kann (z.B. eine gemeinsame Sprache oder ähnliche Bildungs- und Erfahrungshintergründe). Mit Mißverständnissen muß gerechnet werden und äußerungen sollten so spät wie möglich interpretiert werden.
  • Lernstrategien zur Erweiterung und Differenzierung des kulturspezifischen Wissens: Diese sollen Hilfen für die Kommunikationspartner sein, mit denen sie eigenständig ihre Wissensbasis vergrößern können. Das können einerseits Frage- und Beobachtungstechniken, andererseits auch vorsichtig eingesetztes, bewußtes "Verletzen angenommener Konventionen" sein.[22]

House kritisiert eine solche Einstellung im Fremdsprachenunterricht. Sie stellt fest, daß interkulturelle Kompetenz aus der kommunikativen Kompetenz erwachsen ist. Letztere wurde unterteilt in grammatische, soziolinguistische, Diskurs- und strategische Kompetenz. Laut House wurde aber im Rahmen desFremdsprachenunterrichts kommunikative Kompetenz als "emanzipatorische Sozialisation"der Lerner durch die und in der Fremdsprache interpretiert.[23] House meint, daß der sprachliche Anteil am Fremdsprachenunterricht dadurch stark vernachlässigt wurde, und sie befürchtet ähnliches für die interkulturelle Kompetenz, die allzu oft mit "Verstehen der fremden Kultur", "Abbauen von Vorurteilen" und "Fähigkeit zu Toleranz" gleichgesetzt wird, wie es ja auch bei Knapp-Potthoff durchscheint.

Die Folge davon ist, daß "die Lernziele im FU [...] dann im wesentlichen darin [bestehen], soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechterhalten zu können, ohne daß sprachliche Korrektheit betont wird."[24]

Ich denke, House hat mit ihrer Feststellung recht, denn der Fremdsprachenunterricht darf auf keinen Fall das sprachliche Können vernachlässigen. Wie sollten sonst z.B. Angehörige verschiedener Kulturen in der Lage sein, sich auf eine gemeinsame Sprache zu einigen, wie Knapp-Potthoff in den Interaktionsstrategien angibt? Zweifellos kann auch die Sprache allein nicht ausreichen, es muß ein sinnvoller Zusammenhang zwischen beiden Seiten hergestellt werden. Fremdsprachenunterricht kann meiner Auffassung nach nicht alleine eine Fähigkeit zur interkulturellen Kommunikation vermitteln, dies sollte auch in anderen Lernbereichen geschehen, aber der Fremdsprachenunterricht kann sie entschieden fördern.

4.2 Interkulturelle Kommunikation und Fremdsprachenlernen

aufwaerts

Fremdsprachenunterricht als Ort einer systematischen Begegnung der Lernenden mit der Fremdkultur, die im kommunikativen Unterricht in Form von handelnden Menschen lebendig wird, ist insofern in allen seinen Dimensionen interkulturell.[25]

4.2.1 Relevanzbereiche interkultureller Kommunikation

aufwaerts

Wir konnten oben schon erkennen, daß die interkulturelle Kommunikation von vielen Fachrichtungen betrachtet wird und unsere Gesellschaft betrifft. Rost-Roth sieht darin den Bedarf, für den Fremdsprachenunterricht Bereiche abzustecken, die für ihn von Bedeutung sind. Sie nennt fünf "Relevanzbereiche", die bei der Beschäftigung mit interkultureller Kommunikation im Zusammenhang mit Fremdsprachenunterricht Beachtung finden sollten:

  1. Lernziel: Befähigung zur interkulturellen Kommunikation:
    Rost-Roth erkennt in der Literatur zwei globale Lernziele, die zu interkultureller Kommunikation befähigen sollen:

    [Die] Förderung der Verständigung in internationalen und multikulturellen Kontexten und eine [...] Förderung von Fremdverstehen kultureller Zusammenhänge.[26]

    [Die] eher instrumentelle Orientierung von Lernzielen bei der Auseinandersetzung mit IK [interkultureller Kommunikation], die vor allem zweckorientiert einer erfolgreicheren Durchsetzung von kommunikativen Absichten dient.[27]

    Wie so eine Befähigung letztlich auszusehen hat, welche Kompetenzen notwendig sind, wird im Folgenden noch zu klären sein.
  2. Interkulturelle Kommunikation als Unterrichtsinhalt bzw. -gegenstand:
    So wie die Lernzielbestimmungen werden nach Rost-Roth auch die Unterrichtsinhalte zweigeteilt.

    Behandlung sozialethischer Aspekte von interkultureller Kommunikation und die Behandlung von Erfahrungen, Einstellungen und Haltungen gegenüber anderen Kulturkreisen im Unterricht.[28]

    Dem werden die Wissensbestände, die in Verbindung mit kommunikativer Kompetenz und Kulturspezifika stehen, gegenüber gestellt.

    Als einzelne Bereiche der Sprachverwendung nehmen dabei semantische Aspekte, i.e. vor allem kulturkontrastive Semantisierungen von Wortschatz und Redewendungen ... und pragmatische Kulturkontraste ... einen besonderen Stellenwert ein.[29]

    Es sollte in jedem Fall eine enge Verbindung von Sprach- und Kulturvermittlung gegeben sein.
  3. Interkulturelle Kommunikation als Komponente der Unterrichtsinteraktion:
    Rost-Roth bemängelt eine unzureichende Auseinandersetzung mit diesem Thema. Zu selbstverständlich scheint es wohl den meisten Autoren. In einigen Unterrichtssituationen findet sich dieser Punkt wieder, zumeist dann, wenn die Lernergruppe gemischtkulturell bzw. heterogen ist oder der Lehrende nicht der Kultur der Lernenden angehört. Gerade jetzt, wo verstärkt mittels "Tutoring", Tandem oder in bi-nationalen Kursen gelernt wird, sollte diese Komponente stärker berücksichtigt werden.[30] Und auch in der vorliegenden Arbeit spielt dieser Aspekt eine Rolle.
  4. Interkulturelle Orientierung von Lehrmaterialien:
    Hier ist festzustellen, daß die Forderung, Lehrwerke interkulturell auszurichten, wächst, was bislang in der Realität offenbar noch wenig Beachtung findet.[31] Krumm weist darauf hin, daß allzu oft Interkulturalität mit Landeskunde verwechselt wird, was aber keineswegs das gleiche ist.[ 32] Allerdings läßt sich inzwischen auch ein Trend bemerken, nach dem eine Regionalisierung von Lehrwerken verwirklicht wird, was heißt, daß Lehrwerke für spezielle Kulturgruppen entwickelt werden.
    Betrachten wir das Internet, stellen wir eine interkulturelle Prägung fest, die sich alleine durch das keine kulturellen Grenzen kennende Medium ergibt.
  5. Interkulturelle Orientierung bei Methoden der Sprachvermittlung:
    So wie die Lehrwerke regionalisiert werden sollen, so muß auch die Sprachvermittlung angepaßt werden. Es muß auf die "Sprachlehr-und -lerngewohnheiten der Ausgangskulturen der Lerner" eingegangen werden.[33]

So verschieden diese fünf Punkte auch sein mögen, so haben sie doch alle die "Bewußtmachung von Kulturkontrasten und Kulturspezifika und eine Konzentration auf interaktive und kommunikative Probleme" gemeinsam.[34]

4.2.2 Interkulturelles Lernen

aufwaerts

Die Aneignung von interkultureller Kompetenz bzw. die Befähigung zur interkulturellen Kommunikation möchte ich als interkulturelles Lernen verstanden wissen. Wie kann solches Lernen aussehen? Ich bin mit House einverstanden, daß das Sprachliche nicht ins Hintertreffen geraten darf, bin aber auch der Meinung, daß die Kommunikationsfähigkeit ebenso beachtet werden muß, und beides läßt sich zweifellos kombinieren.

Zeuner schließt sich einer Beschreibung interkulturellen Lernens von Thomas an, die m. E. eher dem Ziel kulturellen Lernens, der interkulturellen Kompetenz entspricht. Zumindest ist diese Ausführung so weit gefaßt, daß sie für den Unterricht kaum eine konkrete Hilfestellung bietet und es fehlt obendrein auch hier der sprachliche Aspekt.

Interkulturelles Lernen zielt auf die Entwicklung von Verhaltensmerkmalen ... und den Aufbau eines interkulturellen Erfahrungs- und Handlungswissens.

Interkulturelles Lernen findet statt, wenn eine Person bestrebt ist, im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur, deren spezifisches Orientierungssystem der Wahrnehmung, des Denkens, ... zu verstehen, in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren...

Interkulturelles Lernen vollzieht sich 'in interkulturellen überschneidungssituationen...'

Interkulturelles Lernen kann sich über mehrere Stufen hin vollziehen.

Interkulturelles Lernen ist dann erfolgreich, wenn es zu einem interkulturellen Verstehen führt.[35]

House geht davon aus, daß ein erhöhtes Sprachbewußtsein auch ein höheres Kulturbewußtsein umfaßt und zählt einige Punkte auf, die sie für die Vermittlung von interkultureller Kompetenz für relevant hält.

  1. Eine dem aktuellen Wissen über Interaktionsnormen, Werte und Mentalitäten angepaßte Bewußtmachung der kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten.[36]
  2. Explizite Vermittlung von Sprach-/Kulturbewußtheit durch Aufmerksamkeitsübungen, und kontrastive Gegenüberstellungen. Als Beispiel führt sie z.B. übersetzte Filmtitel an oder Beschriftungen von Schildern.[ 37]
  3. Aneignen des sprachlich-kulturellen Wissens durch theoriegeleitete, aber dennoch praktisch und kommunikativ angelegte übungen, wie Rollen- oder Simulationsspiele (Ausgangspunkt sollten nach Möglichkeit von den Lernern selbst erlebte problembehaftete Situationen sein.)[38]

Natürlich fehlen auch bei House nicht die kommunikativen bzw. interaktiven Strategien, die ich weiter oben schon beleuchtet habe.[ 39]

Zeuner sieht die interkulturelle Kompetenz "als übergeordnetes Lernziel eines am Fremdverstehen orientierten Landeskundeunterrichts."[40] Da aber Landeskunde als Kulturkunde verstanden wird, kann der Fremdsprachenunterricht eine vollständige Vermittlung nicht erfüllen. Zeuner stellt darum fest, daß landeskundliches Lernen immer nur exemplarisches Lernen sein kann, wobei er darin kein Problem sieht, sofern "mit Hilfe dieser Inhalte Haltungen und Einstellungen beim Lernen entwickelt werden und daß mit diesen Inhalten die Entfaltung von Fähigkeiten möglich wird."[41]

Zur Auswahl der Stoffe empfiehlt Zeuner eine Drei-Ebenen-Kategorisierung von Landeskunde:

  1. Die Ebene der isolierten Fakten und sachlichen Daten über ein Land (Zahlen, Statistik);
  2. Die Ebene der konkreten Situationen, Verhaltensweisen, Einstellungen, (kommunikativen) Strukturen von Individuen und/oder Gruppen ("der konkrete Fall");
  3. Die Ebene des Systems, d.h., der gesellschaftlichen Strukturen und ideologischen Muster (System; Ideologie).[ 42]

Landeskunde wird von Zeuner weiterhin als Vermittlung von Wissen verstanden, auch wenn kulturelle und gesellschaftliche Aspekte mit einfließen.

Um nun mit Hilfe dieser Aufstellung interkulturelle Kompetenz zu fördern, empfiehlt Zeuner, im Unterricht zuerst den "konkreten Fall" zu betrachten und die beiden anderen Ebenen "zur Erklärung, zum Verständnis oder zur Relativierung" des Anschauungsbeispiels zu nutzen.[43] Eine solche Vorgehensweise kann eine Kontrastierung zwischen Ausgangs- und Zielkultur vermeiden, besonders dann, wenn es keine Analogien zwischen den beiden Kulturen gibt.

Selbstverständlich wird die Vermittlung landes- und kulturkundlichen Wissens im Fremdsprachenunterricht vorausgesetzt, um die Lerner zu interkultureller Kompetenz zu befähigen. Nach Buttjes jedoch scheint sich "interkulturelle, landeskundliche Kompetenz [...] unabhängig von der interlingualen, fremdsprachlichen Kompetenz zu entwickeln."[44]

Wenn Buttjes "interkulturelle sowie landeskundliche Kompetenz" meint, hat er sicher mit seiner Ansicht recht. Sonst aber halte ich es doch für falsch, interkulturelle und landeskundliche Kompetenz zu vermischen. Landeskundliche Kompetenz ist nicht gleich interkulturelle Kompetenz und wird leider nicht immer genau unterschieden.

Mit Knapp-Potthoff habe ich schon darauf verwiesen, daß für interkulturelle Kommunikation landeskundliches Wissen vernachlässigt werden kann. Vgl. Kapitel 4.1.4. Andere Autoren, wie House oder auch Zeuner legen dagegen besonderen Wert auf das Bewußtmachen kultureller Eigenheiten. Allerdings muß ich fragen, wie etwas bewußt gemacht werden will, was möglicherweise noch gar nicht bekannt ist. Es muß also eine Fähigkeit zum Erkennen von Gleich, Ungleich und ähnlich herausgebildet werden.

M.E. liegen diese Differenzen in der Betrachtungsweise. Gehen wir von einer interkulturellen Kommunikation aus, die eigentlich eine "bikulturelle" ist, nämlich zwischen Angehörigen der eigenen und der Kultur, deren Fremdsprache gelernt wird, so sind konkrete landeskundliche Aspekte sicher wichtig, also auch zu lehren und die von House vorgeschlagene Kontrastierung bzw. die Vermittlung nach Zeuner möglich.

Gehen wir dagegen von einer interkulturellen Begegnung aus, in der die Kommunikationssprache von beiden Partnern Fremdsprache ist, so treten landeskundliche Bezüge zur Zielsprachenkultur in den Hintergrund. Ein Fremdsprachenunterricht kann in diesem Sinne also gar nicht zum Ziel haben, Landeskunde zu vermitteln.

Und nehmen wir zuletzt noch den Fall, daß eine Unterhaltung zwischen einem Fremdsprachenlerner und einem ausschließlichen Muttersprachler zustande kommt, der nichts über das Herkunftsland des Fremdsprachlers weiß. Wäre das keine interkulturelle Kommunikation?

Ich halte es darum für angebracht, mit Knapp-Potthoff die interkulturelle Kompetenz zunächst unabhängig von der Sprache und auch der Landeskunde zu verstehen. Es muß eine Unterscheidung getroffen werden, in welchem Rahmen interkulturelle Kommunikation stattfindet und demnach muß entschieden werden, welche Ergänzungen wünschenswert sind. Im Fremdsprachenunterricht sollte dies auf jeden Fall das sprachliche Können sein. Doch auch die Landes- bzw. Kulturkunde, die zur entsprechenden Fremdsprache zählt, wird in den Fremdsprachenunterricht Eingang finden müssen, da in erster Linie wohl immer ein direkter Kontakt mit den entsprechenden Muttersprachlern angestrebt wird.

Richter schreibt dem Internet eine Bereicherung des Fremdsprachenunterrichts zu, der dadurch noch stärker interkulturell ausgerichtet werden kann. Es könne durch das Internet ein natürliches Lernen stattfinden, ein Lernen im Dialog, das besonders im "freien Erfahrungs- und Meinungsaustausch"[45] entsteht. Doch gibt sie zu bedenken, daß das Internet nicht per se Kulturverstehen vermittelt.[46]

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Fußnoten: Zurück zum Text gelangen Sie, wenn Sie die Fußnotenzahl anklicken.

[1] DUDEN: Das Herkunftswörterbuch, 393
[2] vgl. Rehbein, 1985, 27ff.
[3] vgl. Frey, 1993, 21
[4] vgl. Frey, 1993, 27ff
[5] vgl. Litters, 1995, 17
[6] vgl. Rehbein, 1985, 30ff.
[7] Hinnenkamp, 1994, 51 zitiert nach Knapp-Potthoff, 1997, 184
[8] vgl. Litters, 1995, 19f
[9] vgl. Luchtenberg, 1999, 17
[10] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 183f.
[11] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 186f.
[12] vgl. Reimann, 1992,14
[13] vgl. Litters, 1995,21
[14] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 182
[15] Knapp-Potthoff, 1997, 188
[16] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 188
[17] Knapp-Potthoff, 1997, 193 (Hervorhebungen im Original)
[18] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 196
[19] Knapp-Potthoff, 1997, 196
[20] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 196
[21] vgl. Knapp-Potthoff, 1997, 201ff
[22] Knapp-Potthoff, 1997, 203
[23] vgl. House, 1996, 2
[24] House, 1996, 3
[25] Krumm, 1995, 157
[26] Rost-Roth, 1996, 2
[27] Rost-Roth, 1996, 2
[28] Rost-Roth, 1996, 3
[29] Rost-Roth, 1996, 3
[30] vgl. Rost-Roth, 1996, 4
[31] vgl. Rost-Roth, 1996, 4
[32] vgl. Krumm, 1995, 157
[33] vgl. Rost-Roth, 1996, 5
[34] vgl. Rost-Roth, 1996, 7
[35] Zeuner, 1997, 2f
[36] vgl. House, 1996, 12
[37] vgl. House, 1996, 13
[38] vgl. House, 1996, 14
[39] vgl. House, 1996, 17f
[40] Zeuner, 1997, 4
[41] Zeuner, 1997, 7 (Hervorhebungen im Original)
[42] vgl. Zeuner, 1997, 7
[43] vgl. Zeuner, 1997, 8
[44] vgl. Buttjes, 1995,147
[45] Richter, 1998, 14
[46] vgl. Richter, 1998,15

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letzte Aktualisierung: 27.11.2004